WAS WÄRE WENN
EBENEN
GENRE

Was wäre, wenn über Nacht das Weltbild ins Wanken geraten, wenn Seelenverwandtschaft, Magie und ewige Liebe plötzlich real und die ritterlichen Tugenden von Treue und Tapferkeit auf einmal eingefordert würden? Wie würde ein Leben aussehen, das bis in letzter Konsequenz so geführt wird, wie dies in der Musik und an Partys als ideal inszeniert wird?

Diese Fragen bilden das Fundament des Romans «Schwarzes Erbe», der in diesem Sinn als Gedankenspiel zu lesen ist.

Zu Beginn deklariert die Ich-Erzählerin die Aufzeichnung als Versuch, die sich überstürzenden Ereignisse zu verarbeiten. Denn auf einen Schlag findet ihr Leben nicht länger nur zwischen der abgeschiedenen Burg im Wallis und der Partnerschaft in Zürich statt, sondern zwischen Gegenwart und mittelalterlicher Vergangenheit, Realität und der okkulten Welt des Zirkels. Die Überforderung, die aus den Sprüngen zwischen diesen Welten resultieren, überträgt sich unmittelbar auf die Lesenden, die sich zusammen mit der Hauptfigur erst an die verschiedenen Schauplätze gewöhnen müssen.

Doch sind diese verschiedenen Handlungsebenen nicht nur Ausdruck des Gedankenspiels «was wäre wenn», sondern sie stehen auch symbolisch für die verschiedenen Aspekte und Bedürfnisse der Hauptfigur. Ihre Suche nach Echtheit, ihre Frage nach dem wahren Selbst wird anhand der verschiedenen Ebenen illustriert.

Passend zur Ansiedlung des Romans in der zeitgenössischen Gothic-Szene, die sich ideell u.a. an die Epoche der Romantik anlehnt, ist «Schwarzes Erbe» vom literarischen Genre der Romantischen Romane inspiriert: Nebst der Verwendung spezifischer Stilmittel und Motive wie Überschreiten der Gattungsgrenzen, Inszenierung des Unbewussten und Unheimlichen, Verklärung des Mittelalters, Weltflucht und Liebe ist die der Romantik zugrunde liegende Sehnsucht nach aufgehobener Entfremdung ein zentrales Thema des Romans. Dass der Naturzustand vom modernen Menschen nicht mehr erreicht werden kann, zeigt sich anhand der Tatsache, dass die ersehnte Rückkehr nur auf der magisch-spirituellen Handlungsebene und damit nur in der Fiktion des Romans möglich ist. Und selbst dies wird durch den Romanschluss, ganz in der Tradition der Romantischen Romane, ironisch in Frage gestellt.

Hintergrundbild_Burg